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Bertelsmann Stiftung: Die Hälfte der Deutschen fürchtet, im Alter nicht das richtige Pflegeheim zu finden
Donnerstag, der 20.Juli 2017
Bertelsmann Stiftung: Die Hälfte der Deutschen fürchtet, im Alter nicht das richtige Pflegeheim zu finden
Gütersloh: Der sogenannte Pflege-TÜV mit den „Pflegenoten“ liefert momentan keine ausreichenden Informationen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Jeder zweite Deutsche fürchtet, im Alter nicht das passende Pflegeheim oder den passenden Pflegedienst zu finden. Das zeigt eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung, die das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid durchgeführt hat. Der vom Gesetzgeber einberufene Qualitätsausschuss sollte an diesem Informationsmissstand bis Ende des Jahres etwas ändern. „Das Gremium, das aus Vertretern der Pflegekassen und -anbieter besteht, hat bereits angekündigt, die Frist nicht einzuhalten. Das geht zulasten der Ratsuchenden. Schon heute wäre es ohne großen Aufwand möglich, entscheidungsrelevante Informationen bereitzustellen“, sagt Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung.
 
Sorge vor zu wenig Pflege-Personal
55 Prozent der Deutschen sehen bei Pflegeheimen und -diensten starke Qualitätsunterschiede. Nahezu zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) befürchten besonders, dass es in den Einrichtungen zu wenig Personal gibt. Unter denjenigen, die bereits nach Pflegemöglichkeiten gesucht haben – immerhin jeder Dritte über 50 Jahren – ist diese Sorge noch ausgeprägter: Hier schätzen 73 Prozent die Anzahl des Personals in Pflegeheimen als „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“ ein. Dabei steht insbesondere für diese erfahrenen Pflegeheimsuchenden die Personalsituation auf Platz zwei der wichtigsten Auswahlkriterien – gleich hinter der Qualität der Pflege.
 
Bürger verlangen nach mehr Informationen zu Pflegeheimen
Neun von zehn Befragten verlangen Daten zum Personaleinsatz (88 Prozent), der Pflegequalität (94 Prozent) und der Ausstattung von Pflegeheimen (92 Prozent). Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, unterstützt diesen Informationsanspruch: „Pflegebedürftige und ihre Familien sollten alle nötigen Informationen erhalten, um sich für den passenden Anbieter entscheiden zu können.“
Qualitätsausschuss und Politik verantworten zukünftige Entwicklung
In der Verantwortung für die zukünftige Entwicklung stehen die Verbände der Pflegekassen und -anbieter sowie die neue Bundesregierung. „Der vom Gesetzgeber einberufene Qualitätsausschuss sollte sich nicht nur auf die Pflegequalität konzentrieren, sondern auch Angaben zum Personaleinsatz und zu auswahlrelevanten Einrichtungsmerkmalen in die neue Qualitätsberichterstattung einbeziehen“, sagt Etgeton.
 
Ein Konzept für einen hilfreichen Pflege-TÜV
Wie ein Angebot aussehen könnte, das bei der Suche nach dem richtigen Pflegeanbieter alle nötigen Informationen transparent macht, hat die Weisse Liste, ein Projekt der Bertelsmann Stiftung, zusammen mit Experten aus Wissenschaft und Betroffenenverbänden in einem Reformkonzept erarbeitet. Die Weisse Liste schlägt ein Bewertungssystem für Pflegeeinrichtungen vor, in dem Informationen zur gesundheitsbezogenen Pflegequalität, Angaben zum Personaleinsatz und zu Einrichtungsmerkmalen aufgenommen werden, die für die Lebensqualität der Pflegebedürftigen von Bedeutung sein können. Sechs zentrale Reformvorschläge stehen dabei im Mittelpunkt:
 
  • Online-Plattform: Anstatt die Pflegequalität wie bisher standardisiert in Papierform beziehungsweise als pdf-Datei zu veröffentlichen, sollten Informationen über Pflegeeinrichtungen online zugänglich, individuell erschließbar und aktuell sein.
  • Auskunft Lebensqualität: Die Pflegeanbieter sollten verpflichtet werden, über Leistungs- und Ausstattungsmerkmale Bericht zu erstatten, welche die Lebensqualität von Pflegebedürftigen maßgeblich beeinflussen.
  • Auskunft Personalangaben: Die Pflegeanbieter und -kassen sollten verpflichtet werden, Auskunft darüber zu geben, wie viele Pflegebedürftige ein Pflegender betreut und wie das Personal qualifiziert ist.
  • Darstellung Pflegequalität: Anstatt die Pflegequalität in Dezimalzahlen oder Noten zusammenzufassen, sollten Empfehlungen und Warnungen für Suchende unmissverständlich aufgezeigt  werden. Der Weisse Liste-Prototyp schlägt hier beispielsweise ein rotes Warndreieck für besonders schlechte und einen grünen Daumen für besonders gute Pflegequalität vor.
  • Auskunft Erfahrungswissen: Die Erfahrungen von Menschen, die am Pflegeheimalltag teilhaben – beispielsweise Pflegebedürftige, ihre Angehörigen oder Mitarbeiter – sollten erhoben und veröffentlicht werden.
  • Einführung Open-Data: Die erhobenen Rohdaten über Pflegeanbieter sollten zur freien Verfügung und Nutzung bereitstehen – beispielsweise zu Forschungszwecken oder für Informationsangebote im Internet.
 
Die Reformvorschläge im Einzelnen, Details zum fachlichen Hintergrund sowie ein Video, in dem ein Prototyp eines solchen Online-Angebots vorgestellt wird, finden Sie unter: www.weisse-liste.de/public-reporting-pflege
Zusatzinformationen
2016 hat der Gesetzgeber einen Qualitätsausschuss verpflichtet, bis Ende 2017 ein neues Bewertungssystem für Pflegeheime auszuhandeln, das die seit 2009 geltenden „Pflegenoten“ ablösen soll. Im Ausschuss verantwortlich sind die Verbände der Pflegeanbieter und -kassen. Auch die Betroffenen- und Verbraucherverbände sind beteiligt, verfügen allerdings über kein Stimmrecht. Nach Auskunft des Gremiums wird die gesetzliche Frist für die Reform nicht eingehalten werden. Frühestens 2019 sollen erste Ergebnisse vorliegen.
 
Das Internetportal Weisse Liste ist ein Projekt der Bertelsmann Stiftung, das sich zum Ziel gesetzt hat, Qualitätsunterschiede im deutschen Gesundheitssystem transparent zu machen. Strategische Partner des Projekts und Co-Initiatoren sind die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe, der Sozialverband Deutschland, der Sozialverband VdK und der Verbraucherzentrale Bundesverband. Die Weisse Liste hat 2016 und 2017 zusammen mit Experten das „Reformkonzept verbraucherorientierte Qualitätsberichterstattung in der Pflege“ erarbeitet. In ihrem Auftrag hat Kantar Emnid zwischen dem 08.06.2017 und dem 12.06.2017 eine repräsentative Umfrage zum Thema Pflegeheim-Suche unter 1000 Personen über 18 Jahren durchgeführt. (Pressemeldung vom 19.07.2017)
Quelle: Bertelsmann Stiftung | Foto: Bertelsmann Stiftung
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