Kultur
MK&G: Neue Frauen - Die Sammlung Fotografie im Kontext
Sonntag, der 6.April 2014
MK&G: Neue Frauen - Die Sammlung Fotografie im Kontext

Hamburg: In den 1920er Jahren prägt Coco Chanel den Typus der „neuen Frau“ mit. Sie etabliert die Rocklänge kurz unterhalb des Knies und steht für funktionale Damenmode. Parallel zur Ausstellung „Mythos Chanel“ zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) aus seiner Sammlung Fotografie rund 40 Fotografien von Fotografinnen und Fotografen u.a. Madame d'Ora, Aenne Biermann, Hein Gorny, Florence Henri, Lotte Jacobi und Yva. Die abgebildeten Frauen zeigen seidenbestrumpfte Beine, tragen kurze Haare, steuern Motorräder oder Automobile, spielen Tennis oder gehen in die Badeanstalt. Die „Neue Frau“ ist ledig und berufstätig. Wie auch in Filmen und Romanen der Zeit wird das neue Frauenbild wesentlich durch Fotografien in den Zeitschriften der Weimarer Republik verbreitet. Doch Frauen sind nicht länger nur Modell der Fotografen, sondern greifen selbst zur Kamera. Als Fotografinnen drücken sie ihr neues Selbstverständnis nicht nur im Bild aus, sondern leben es. Auch in anderen jungen Berufsfeldern wie Journalismus und Film werden Frauen zunehmend aktiv.

Das Bild der Frau ist im Wandel. Ihr verändertes Erscheinungsbild steht für ein gewandeltes Verhältnis der Geschlechter und eine neue gesellschaftliche Stellung der Frau. Wesentliche Schritte zur Gleichberechtigung waren das 1918 eingeführte Wahlrecht für Frauen und die grundsätzliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern in der Weimarer Reichsverfassung von 1919. Das Bild der „Neuen Frau“ verbreitet sich rasant in den illustrierten Zeitschriften. Schauspielerinnen prägen das Bild ebenso wie junge Frauen in der Werbung oder die Hauptfiguren in den Fortsetzungsromane, die oft Verkäuferinnen oder Büroangestellte sind.

Die Ausstellung zeigt die zahlreichen Facetten der “Neuen Frau“ und stellt zwei unterschiedliche Bildsprachen gegenüber, die in den Zeitschriften zu finden sind. Die moderne Erscheinung der Porträtierten trifft in den Fotografien von Madame d’Ora und Franz Grainer mit dem Piktorialismus auf eine Ästhetik, die dem ausgehenden 19. Jahrhundert verhaftet ist. Die Aufnahmen werden mit dem Weichzeichner und malerisch wirkenden Drucktechniken abgezogen – eine Darstellungsweise, die in den Porträtstudios noch bis in die 1930er Jahre gängig ist. Madame d’Ora etwa fotografiert Film-, Revue- und Varietéstars aus den 1920er Jahren wie Marlene Dietrich, Josephine Baker und Fritzi Masery. Fritz Grainer fertigt vor allem Porträts für die gehobene Gesellschaft. Fotografinnen der Avantgarde wie Aenne Biermann, Hein Gorny, Helmar Lerski oder Lotte Jacobi finden hingegen eine moderne Bildsprache für den Aufbruch in eine neue Zeit. Sie zeigen die Gesichter oft nahansichtig und schneiden die Porträts radikal an. Der kühle, leere Blick, mit denen die Porträtierten aus den Bildern schauen, verbindet sich mit einer sachlichen, modernen Bildsprache.

Neben den Frauenporträts zeigt die Ausstellung exemplarisch drei charakteristische Topoi dieser Zeit: die Auto fahrende Frau, das seidenbestrumpfte Bein sowie die sportlichen Aktivitäten der Neuen Frau. Der Körper der Frau wird zum Sportkörper. Die Frauen turnen, gehen Schwimmen und spielen Tennis. Auch das Autofahren galt Frauen der bessergestellten Kreise als Sport. Sowohl das extravagante Hobby als auch der Seidenstrumpf sind Signets für die Emanzipation und die Befreiung von den bürgerlichen Normen und Moralvorstellungen der Wilhelminischen Zeit. Die kniekurze Mode zeigt das bis in die 1920er Jahre verborgene Frauenbein, das nun auch zum erotischen Signal wird. In den Zeitschriften wird es zum Kaufanreiz für die Ware und steht damit am Anfang einer Sexualisierung des weiblichen Körpers im Dienste der Werbung. Durch populäre Romane wie „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun sind die Attribute allerdings schon mit der Note des Unsittlichen verbunden.
Steht die „Neue Frau“ für einen Weiblichkeitsentwurf, der Gleichstellung suggerierte, wird dennoch häufig auf klassische Rollenverteilung nicht verzichtet. Einen tatsächlichen Freiraum für eine Gruppe bürgerlicher Frauen bot in den 1920er Jahren der Beruf der Fotografin. Lotte Jacobi, Florence Henri, Ilse Bingund Madame d’Ora beispielsweise erlernten den Beruf und gründeten Ateliers für Porträt-, Mode- oder Werbefotografie oder arbeiteten für die illustrierte Presse. In der kurzen Zeit zwischen den Weltkriegen wurden Zeitschriften gleichermaßen von Fotogra-finnen wie Fotografen mit Bildern beliefert, was sich auch der hohe Anteil von Frauen in der Sammlungspräsentation deutlich macht.
Die Ausstellung findet im Rahmen der Reihe „Die Sammlung im Kontext“ statt, mit der das MKG in Vorbereitung einer für 2015 geplanten umfangreichen Überblicksausstellung über die Bestände seiner Sammlung Fotografie und neue Medien, kontinuierlich Einblick in seine Sammlung gibt.
Fotografinnen und Fotografen: Aenne Biermann, Ilse Bing, Natascha Brunswick, Hein Gorny, Franz Grainer, Raoul Hausmann, Florence Henri, Lotte Jacobi, Václav Jíru, Helmar Lerski, Madame d’Ora, Lucia Moholy-Nagy, Franz Roh, Werner Rohde, Imre von Santho, Friedrich Seidenstücker und Yva. (Pressemeldung vom 06.04.2014) 

Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg | Foto: MK & G, © Atelier Benda/d`Ora, Yva
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