Wissenschaft
IQB-Ländervergleich: Hamburger Schülerinnen und Schüler auf den unteren Rängen
Samstag, der 12.Oktober 2013
IQB-Ländervergleich: Hamburger Schülerinnen und Schüler auf den unteren Rängen

Hamburg: Im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) hat das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Mai und Juni 2012 die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in der neunten Jahrgangsstufe in Mathematik und in den Naturwissenschaften getestet. Die getesteten Hamburger Schülerinnen und Schüler belegen im Vergleich der Bundesländer in Mathematik Platz 13, in Biologie, Chemie und Physik Platz 14 oder 15. Schulsenator Ties Rabe: „Die Ergebnisse überraschen wenig. Wie in fast allen Schulleistungsstudien auch belegt Hamburg in Mathematik als bester Stadtstaat vor Berlin und Bremen und vor Nordrhein-Westfalen, aber hinter den übrigen Flächenländern, Platz 13. In den Naturwissenschaften teilt sich Hamburg mit Bremen und Nordrhein-Westfalen die hinteren Plätze. Wir werden jetzt die zahlreichen Aspekte der umfangreichen Studie sorgfältig analysieren.“

Schulsenator Rabe: „Bei der Analyse sollten wir Schnellschüsse vermeiden. Parteipolitische Schuldzuweisungen sind ohnehin unangebracht: Während der Schulzeit der getesteten Schülerinnen und Schüler von 2003 bis 2012 bestimmten ein Jahr lang die FDP, vier Jahre die CDU, drei Jahre die Grünen und ein Jahr die SPD Hamburgs Schulpolitik. Zudem muss berücksichtigt werden, dass Hamburg mit 43,2 Prozent mit Abstand den höchsten Anteil an Schülerinnen und Schülern mit einem Zuwanderungshintergrund hat, während der Anteil in der Spitzengruppe beispielsweise in Thüringen, Brandenburg und Sachsen nicht einmal zehn Prozent beträgt.

Diese Zahlen verzerren das Gesamtbild erheblich, weil auch diese Studie wieder gezeigt hat, dass es Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungshintergrund im bundesdeutschen Schulsystem deutlich schwerer haben. Diese soziale Ungerechtigkeit des deutschen Schulsystems belastet besonders Hamburgs Schülerinnen und Schüler.“

Verbesserungen bereits auf den Weg gebracht: Kleine Klassen, Ganztag, mehr Fachlichkeit
 Senator Rabe weiter: „Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir in Hamburg besser werden können. Kleinere Klassen, zusätzliche Lernförderung und erheblich mehr Ganztagsangebote wurden bereits auf den Weg gebracht. Zudem wurde an den Stadtteilschulen die Fachlichkeit des Unterrichts dadurch gestärkt, dass der übergreifende Lernbereich Naturwissenschaften durch die eigenständigen Unterrichtsfächer Biologie, Chemie und Physik ersetzt wurde. Von diesen Verbesserungen konnten die getesteten Schülerinnen und Schüler noch nicht profitieren.

Künftig geht es unter anderem darum, die Fachlichkeit des Unterrichts und die Unterrichtskonzepte genauer zu prüfen. Die Studie bestätigt erneut die Bedeutung guten Unterrichts. In diesem Zusammenhang werden aktuelle Befunde zu lernförderlichem Unterricht, z. B. klar strukturierterer, kognitiv aktivierender Unterricht auf der Basis einer fundierten fachdidaktischen Qualifikation verstärkt berücksichtigt werden müssen.“

Im Einzelnen sind folgende Befunde hervorzuheben:

Schüler mit Zuwanderungshintergrund schneiden deutlich schlechter ab
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen einem Zuwanderungshintergrund und der erreichten Leistung. In allen Bereichen schneiden Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungshintergrund deutlich schlechter ab. Dies gilt insbesondere für Kinder, deren Elternteile beide im Ausland geboren sind. Türkischstämmige Schülerinnen und Schüler weisen im Vergleich zu anderen Herkunftsgruppen die geringsten Kompetenzwerte auf.

Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaften
In Mathematik liegt Hamburg mit 489 Punkten (Mittelwert für Deutschland = 500 Punkte) signifikant unter dem deutschen Mittelwert. Von allen getesteten Hamburger Schülerinnen und Schülern erreichen 41,2 Prozent bereits am Ende von Jahrgang 9 die Regelstandards für den mittleren Schulabschluss (früherer Realschulabschluss; Kompetenzstufe III und höher). Von allen getesteten Hamburger Schülerinnen und Schülern ist bei 7,2 Prozent das Erreichen des Ersten allgemeinbildenden Abschlusses (früherer Hauptschulabschluss; Kompetenzstufe Ib) gefährdet. Dabei muss berücksichtigt werden, dass nach einer Änderung des Hamburgischen Schulgesetzes die meisten Schülerinnen und Schüler den Ersten Allgemeinen Schulabschluss in Hamburg erst nach Klasse 10 ablegen und somit noch ein Jahr länger zur Schule gehen können als die Schülerinnen und Schüler anderer Bundesländer. Wie schon in früheren Schulleistungsstudien erreichen die Jungen in Mathematik bessere Ergebnisse als die Mädchen.

In Biologie, Chemie und Physik liegt Hamburg ebenfalls signifikant unter dem deutschen Mittelwert. Von allen getesteten Schülerinnen und Schülern erreichen zwischen 51,5 Prozent (Chemie Fachwissen) und 70,6 Prozent (Physik Erkenntnisgewinnung) bereits am Ende von Jahrgang 9 die Regelstandards für den mittleren Schulabschluss (Kompetenzstufe III und höher). Während es in Physik und Chemie keine Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt, erreichen die Mädchen in Biologie deutlich höhere Leistungswerte als die Jungen.

Einfluss des fachfremden Unterrichts unklar
Unklar ist der Einfluss fachfremden Unterrichts. Die Studie legt nahe, dass Schülerinnen und Schüler besser abschneiden, wenn ihre Lehrkräfte das jeweilige Unterrichtsfach studiert haben. Aber auch in einigen erfolgreichen Ländern wie beispielsweise Rheinland-Pfalz oder auch Bayern ist der Anteil von fachfremd unterrichtenden Lehrkräften relativ hoch.

Schulleistungsstudien müssen zukünftig auch Ursachen und Handlungsempfehlungen enthalten
 Schulsenator Rabe weist in diesem Zusammengang darauf hin, dass die bisherigen Studien weiterentwickelt werden müssen. Rabe: „Seit Jahren erfahren wir zwar sehr genau einzelne Länderergebnisse, aber es gibt zu wenig Hinweise, welche Ursachen das Abschneiden der einzelnen Länder hat und welche Verbesserungen notwendig sind.“ Rabe setzt sich deshalb dafür ein, dass künftige Studien zusätzlich die Ursachen unterschiedlicher Bildungsleistungen untersuchen und Handlungsempfehlungen geben sollen. Die Kultusministerkonferenz hat dazu noch in diesem Jahr ein Bilanzgespräch mit Wissenschaftlern und Schulpolitikern vereinbart.

Die IQB-Ländervergleiche lösen die bisherigen Bundesländervergleiche ab, die als nationale Ergänzungsstudien zu IGLU und PISA durchgeführt worden waren. Nachdem im ersten Ländervergleich in der Sekundarstufe I im Jahr 2009 in allen Schulformen die sprachlichen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 getestet wurden (Deutsch und Englisch), sind diesmal die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 9 aller Schulformen der Sekundarstufe I erhoben worden. Dabei stellten die 2003 von der Ständigen Konferenz der Kultusminister (KMK) beschlossenen Bildungsstandards für den mittleren Schulabschluss die Grundlage für die Testungen dar.

Der Großteil der getesteten Schülerinnen und Schüler wurde im Jahr 2003 eingeschult und im Mai und Juni 2012 kurz vor Ende der Klassenstufe 9 getestet. Insgesamt nahmen in Deutschland rund 45.000 Schülerinnen und Schüler an 1.326 Schulen am Ländervergleich teil. Hamburg war insgesamt mit 109 Schulen vertreten, davon 50 Gymnasien, 56 Stadtteilschulen und drei Förderschulen. (Pressemeldung vom 11.10.2013)

Quelle: Senat der Hansestadt Hamburg | Foto: Senat der Hansestadt Hamburg
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